Rezension zu Moki’s Sumpfland

Jana Volkmann schreibt bei Der Freitag über Sumpfland, das neue Comic von Moki. Die Künstlerin ist am 31. Mai bei uns zu Gast.

Gemüse wie wir

Comic Kann man knuffig sein und trotzdem revolutionär? Moki lässt uns dran glauben Jana Volkmann | Ausgabe 19/2019

Gemüse wie wir

Illustration: Moki

In Mokis Comic Sumpfland greifen mehrere Geschichten ineinander, die mit scheinbar ganz verschiedenen Bildsprachen arbeiten. Archaische Märchenwälder werden technologisierten Gegenwartsentwürfen gegenübergestellt. Im Sumpfland gibt es Instant-Alraunen und Videochats, Höhlenmalerei und streikende Arbeiter, ein mysteriöser Nebel breitet sich aus. Zusammengehalten werden diese Stränge durch Mokis unverwechselbaren Zeichenstil, hier ganz in Grün. Die 1982 im Sauerland Geborene ist in verschiedenen Feldern aktiv – Malerei, Animationsfilm, Performance. Sie hat in Hamburg Kunst studiert und ist Teil des dortigen Illustratorinnenkollektivs Spring. Manche ihrer Bücher, wie das entrückte How to disappear oder das melancholische Shelter (beide Gingko Press), sind vielmehr Kunst- als Comicbände und so bestens geeignet, dieses ohnehin recht wacklig gebaute Gegensatzpaar zu dekonstruieren.

Ich mutiere, also bin ich

Von wenigen menschlichen Ausnahmen abgesehen, wird das Sumpfland von doppelköpfigen Riesen bewohnt, von knolligen Rhizomen, einer Menge flauschig-kauziger Tierwesen und aufmüpfiger Pflänzchen. Durch die Welten wabert ein Nebel, der aussieht, als würde er ganze Galaxien enthalten. „Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas stimmt nicht mit mir“, heißt es ganz am Anfang, und man weiß nicht, wer diese Sätze sagt. Vielleicht könnte es jede der Figuren sein, vielleicht ist es das Sumpfland selbst.

All das bedeutet natürlich nicht, das in Sumpfland nicht auch ganz menschliche Probleme behandelt werden. Aldi und Puffi bilden zusammen mit ihren Kindern eine Kleinfamilie mit typischen Kleinfamilien-Problemen. Aldi möchte in Ruhe seine Bücher über soziale Gerechtigkeit lesen, Puffi ist permanent aufgedreht und klebt am Smartphone. Dass Aldi in Menschen- und Puffi in Tiergestalt auftritt, dass ihr Nachwuchs überraschend in einer Kiste bei ihnen angekommen ist und es sich streng genommen nicht um Kinder, sondern um „Flocken“ handelt: geschenkt. Die Schwierigkeiten entstehen nicht aus dem, was sie sind. Sondern aus den Rollenmustern, von denen sie glauben, sie erfüllen zu müssen.Auch wenn sie mit ihrem buschigen Schweif und in ihrer Dauernervosität etwas von einem Eichhörnchen-Avatar hat, erinnert Puffis Erscheinung an das Fuchswesen aus Mokis Vorgängercomic, dem ganz ohne Text auskommenden Wandering Ghost.

In der japanischen Mythologie kommen immer wieder Füchsinnen vor, die Kitsune. Sie bandeln mit Menschen an, verlieben sich – und sobald die Männer bemerken, dass sie nicht mit ihresgleichen zusammen sind (was in der Regel länger dauert, als man glauben mag), nehmen sie Reißaus und lassen die menschlichen Angebeteten mitsamt der Nachkommenschaft zurück. Die Episode um Aldi und Puffi ist nicht die einzige Japan-Reminiszenz in Sumpfland: Moki macht in ihren Comics auch leise Anspielungen auf Anime-Filme. Da taucht ganz unvermittelt die ikonische Maske auf, die das geisterhafte Ohngesicht in Hayao Miyazakis Meisterwerk Chihiros Reise ins Zauberland trägt. Wenig überraschend, dass auch die japanische Kunstszene auf Moki aufmerksam wurde. 2019 steht eine Einzelausstellung in Tokio an.

Die Erkenntnis, dass die Partnerin anders ist als erhofft, blüht auch Aldi und Puffi. Anders als im Kitsune-Mythos ist in Sumpfland aber immer auch eine Metamorphose als Ausweg aus den Gegebenheiten möglich: Wandlung, Mutation, Fortpflanzung – das sind zentrale Motive des Bandes. Oft sind die Veränderungen bloße Reaktionen auf strukturelle Wachstums- und Fortschrittsgebote. Auch Puffi wird schließlich ein wenig erwachsen, und schmiegt sich ruhig wie nie an den friedliebenden Aldi. Sie hat es mit dem Koffein ruhiger angehen lassen, und Aldi hat von den Flocken neue Ohren bekommen. Sie sehen fast wie Puffis aus. Auch Harmonie kann verstören.

Neben der Kleinfamilie beleuchtet Moki noch andere soziale Strukturen. In einer Produktionsstätte werden Ableger hergestellt. „Du darfst dich für unsere Gesellschaft multiplizieren! herzlichen Glückwunsch“, begrüßt ein freundlich lächelndes Tentakelwesen einen neuen Mitarbeiter. Wenn es mal nicht so gut läuft mit den Ablegern, hat der Chef eine Pille parat.

Affäre mit einer Landschaft

Auf den ersten Bildern wirken die pflanzlichen Arbeiter recht fröhlich, doch irgendwann sieht man ihnen die Ausbeutung an. Eines der „lieben Getüme“, ein doppelköpfiger Riese, haut schließlich einfach ab. „Das hat da draußen eh keine Überlebenschancen“, winken die Kollegen ab. Das stimmt nicht, für ihn beginnt einfach etwas anderes. Stichwort Metamorphose.

An einem anderen Schauplatz formieren sich Proteste gegen die Wachstumsdoktrin, der Fabrikchef rennt vergebens mit dem Kescher hinter streikenden Arbeitern her. Ein „Super Organism Rhizomatic Think Tank“ kommt zusammen und macht sich ans Eingemachte. Jemand sagt: „Ja, wir könnten hier kritische Fragen stellen, anstatt die Kindchenschema-Everybody’s-Darling-Crew zu mimen.“ So charmant und, pardon, niedlich wurde wohl schon lang nicht mehr zum Widerstand aufgerufen.

Trotzdem entsteht in den stummen und handlungsarmen Episoden die intensivste Atmosphäre. Ganz besonders in der Erzählung von Ocre, einer Menschenfrau, die sich in die Landschaft verliebt und sich ihr hingibt. Eine tief romantische und genauso erotische Liebesbeziehung – Bäume und Pflanzen verästeln sich zu zahllosen Händen, die Ocre berühren, bis hin zu einer radikalen Verschmelzung. Wie Ocre durch ihre Version des Sumpfes traumwandelt und buchstäblich darin eintaucht, ist verstörend schön. Auch hier klingen Mokis bisherige künstlerische Arbeiten an, bei denen man oft nicht genau erkennen kann, wo der Mensch endet und die Natur beginnt.

Comiclesung mit Tillie Walden – Pirouetten

Datum: 29.11.2018 20:00
Ort: Gängeviertel

Tillie Walden, preisgekrönte Comickünstlerin und Shooting Star der US-amerikanischen Comicszene, hat mit 22 Jahren bereits ihre vierte – jüngst mit dem Eisner Award ausgezeichnete – Graphic Novel veröffentlicht. In dem autobiografischen Comic „Pirouetten“, verarbeitet sie ihre Vergangenheit als Leistungssportlerin im Eiskunstlauf – mit all den Ambivalenzen dieses Sports und seiner Kultur; sowie die Entdeckung ihrer Homosexualität.

Nun kommt sie mit ihrer berührenden Coming-out- und Coming-of-age-Geschichte auf Lesereise nach Europa und macht auch einen Stopp in Hamburg!

Moderation: Jana Sotzko (Jungle World / Soft Grid)

Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.
Ort: Seminarraum im Gängeviertel, Valentinskamp 34a, 20355 Hamburg (Zugang über Speckstraße)

Das Event bei facebook            Tillie Walden

Eine Veranstaltung von Strips&Stories, Reprodukt & der Comicbibliothek „The Gutter“

Strips & Stories Artist Edition // 01 Kathrin Klingner

Dass wir nicht nur Bücher verkaufen, sondern unsere Leidenschaft für Comics und Illustrationen darüber hinausgeht, wisst ihr ja. Für dieses Jahr haben wir uns was ganz Besonderes ausgedacht – den Start einer neuen Reihe, in der sich Künstler*innen mit einer Idee präsentieren können: Die Strips & Stories Artist Edition. In dieser wird es eine Kombi aus Tasche und signiertem Druck geben. Den Start macht die von uns sehr geschätzte Kathrin Klingner („Katze hasst Welt // Reprodukt).

Zum 1. September releasen wir unsere neue Reihe und setzen sie dann in unregelmäßigen Abständen fort. Wir freuen uns schon jetzt auf die zukünftigen Comiczeichner*innen, die wir einladen werden sich eine Kombi aus Tasche und Druck für Euch auszudenken.

Das Paket aus Turnbeutel und Druck könnt ihr ab sofort bei uns bekommen.

Druck: 31,5 x 31,5 cm. nummeriert und signiert. hellgrau/dunkelgrau
Turnbeutel: pflaume/dunkelgrau
Siebdruck, limitierter Auflage, 30 Stück
22 Euro

Neuheiten

Joe Shuster – Der Vater der Superhelden von Julian Voloj & Thomas Campi
Carlsen, 176 Seiten, 19,99 Euro

Julian Voloj (Ghetto Brothers!) erzählt die tragische Geschichte der engen Freunde Jerry Siegel und Joe Shuster, die zusammen Superman erschufen. Stimmungsvoll zeichnet der Autor die intensive Lebensgeschichte der beiden nach. ein hochinteressantes Comic, ganz ausdrücklich nicht nur für Superheldenfans!

 

Sabrina von Nick Drnaso
Drawn&Quarterly, 204 Seiten, 30,50 Euro

Vom Vorgänger (Beverly) schon schwer begeistert, haben wir uns sofort auf diese Neuerscheinung gestürzt. Eine schonungslose Darstellung entwurzelter Gefühle und Beziehungen in der vom Kapitalismus zerrütteten Welt. Zadie Smith findet: „Nick Drnaso’s Sabrina Is The Best Book – In Any Medium – I Have Read About Our current Moment.“

 

  Esthers Tagebücher: Mein Leben als Elfjährige – Riad Sattouf

Reprodukt, 56 Seiten, 20 €

Im Mittelpunkt Comicstrips stehen die Erlebnisse und Gedanken der mittlerweile elfjährigen Esther. Esther ist die Tochter von Freunden des Comiczeichners und berichtet ihm regelmäßig aus ihrem Alltag. Sattouf versteht es meisterhaft, ihre scheinbar naiven und unbedarften Erzählungen – ergänzt durch klug beschreibende Zeichnungen – so wiederzugeben, dass ein komplexes, lustiges, oft aber auch bedrückendes Bild ihrer Lebenswelt entsteht.

 

 

  Now #3: The Comics anthology #3
Fantagraphics, 120 Seiten, 9,99 €

Der dritte Band einer neuer internationalen Compilation aus dem Hause Fantagraphics, die die derzeit interessantesten Zeichner und Zeichnerinnen vorstellt. Wir freuen uns besonders, dass Anna Haifisch diesmal mit dabei ist. Aber auch: Marcello Quintanilha (Brazil), Ben Passmore (New Orleans), Anne Simon (France), Roberta Scomparsa (Italy), Keren Katz (Israel), Dash Shaw (Richmond, VA), Eleanor Davis (Athens, GA), Noah Van Sciver (Columbus, OH), José Ja Ja Ja (Spain), Nathan Cowdry (England), Jason T. Miles (Seattle, WA), and Nick Thorburn (Canada).

 

  Fun – Paolo Bacilieris
avant-verlag, 296 Seiten, 30 €

Bacilieri ist einer der Gäste bei den Graphic Novel Tagen und hat ein beeindruckendes Buch über die verzweigte Geschichte von Kreuzworträtseln und Comics vorgelegt, dass zugleich ein Krimi ist.

 

 

 

  Der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs – Elfriede Jelinek / Nicolas Mahler
Carlsen, 64 Seiten, 12 €

Die Adaption eines Textes von Jelinek als Comic? Würde man nicht wollen, wenn es nicht gerade der Mahler machen würde. So ists wunderbar! Der Band ist Teil der neuen Reihe „Die Unheimlichen“ von Carlsen, herausgegeben von Isabel Kreitz.

 

  German Calender No December – Sylvia Ofili / Birgit Weyhe
avant-verlag, 168 Seiten, 22 €

Birgit Weyhe ist eine unserer liebsten Zeichnerinnen aus Hamburg. Ihr neuestes Buch ist ein Kooperation mit der nigerianischen Autorin Sylvia Ofili und beschreibt das Leben in zwei Welten.

 

 

 

  Die Welt der Söhne – Gipi
avant-verlag, 288 Seiten, 30 €

Jedes Buch des italienischen Zeichners Gipi ist lesenswert! Geprägt von seinem rotzig wirkenden, extrem ausdrucksstarken Zeichenstil bewegen sich seine Geschichte immer am Rande der Gesellschaft und erzählen von Kämpfen mit sich selbst und der eigenen Familie. Diesmal in einem düsteren post-apokalyptischen Szenario.

 

 

Die Tage der Amsel – Manuele Fior
avant-verlag, 104 Seiten, 22 €

Auch Manuele Fior gehört zu den großen gegenwärtigen Comiczeichnern. Er scheint fast jeden Stil zu beherrschen und kommt trotzdem nie als Epigone daher. Sein neuestes Buch ist eine Sammlung von Kurzgeschichten.

Girls and Boys Day bei Strips & Stories // Empfehlungen

Heute hatten wir den ganzen Tag Hilfe von einer Schülerin und einem Schüler, die ihren Girls & Boys Day bei uns verbracht haben. Herzlichen Dank für die Hilfe und hier noch zwei Buchtipps von den beiden:

 

img_20180426_161158img_20180426_161245Vater und Sohn von E.O. Plauen
Anaconda Verlag, 7,95 €

Vater und Sohn, ein Buch voller Witz und Humor.     Selbst Lesemuffel und Jüngere/Ältere Leser werden begeistert sein. Ein Muss für jeden Haushalt !!!!!!!!!!!!!!!

Empfehlung von: Finn,12 Jahre

 

img_20180426_161202 img_20180426_161227Das Tagebuch der Anne Frank – Folman & Polonsky, S. Fischer, 20,00 €

Das Tagebuch der Anne Frank! Eine bewegende Geschichte aus dem Hinterhaus in neuer Form: als Graphic Diary. Ein tolles Buch um den zweiten Weltkrieg aus den Augen eines 13-jährigen Mädchens zu sehen.
Ein Tipp von: Johanna,13 Jahre

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