Stefano Ricci: Die Geschichte des Bären – Vernissage und Comic-Release

Im Rahmen des Reeperbahn-Festivals laden wir gemeinsam mit der kulturreich Galerie zur Vernissage und Comic-Release am Mittwoch, 17. September 2014, um 19 Uhr ein.

Nach einer Einführung von Prof. Anke Feuchtenberger (HAW Hamburg) wird Stefano Ricci seine Bücher signieren. Neben der Präsentation von Originalzeichnungen wird auch neues und unveröffentlichtes Material vorgestellt werden, dass an die „Geschichte des Bären anknüpft“.
Ricci vermengt in seiner Arbeit Autobiografisches, Fiktives und tragische Familiengeschichte zu einem literarischen Ganzen, das neue Maßstäbe im Comic setzt.

Nach der Vernissage wird die Ausstellung vom 18. bis 24. September, jeweils von 14 bis 19 Uhr geöffnet sein.

 

Aus Paris erreicht uns noch folgender in die Ausstellung einführender Text von  François Landon:

«Die Geschichte des Bären» ist die erste Graphic Novel von Stefano Ricci. In schwarz-weißen Bildern spricht diese außergewöhnliche Erzählung von der Nacht, von Menschenwesen und Tierwesen und changiert dabei zwischen Realität, Phantasie, Erinnerung und Bekenntnisen.
Kein Storyboard, keine Skizzen. Für Stefano Ricci entsteht eine Geschichte, entsteht Kunst aus dem Moment. Nach mehreren Anläufen und Versuchen, Rückschritten und Änderungen kristallisiere sie sich schließlich heraus: «Es ist wie das Finale einer Partie Solitaire», lächelt er. «Plötzlich geht alles ganz schnell.»
So ist die 430 Seiten umfassende «Geschichte des Bären» binnen von sechs Monaten entstanden, begonnen im Sommer 2013. Wenn man ihn nach der Entwicklungsgeschichte fragt, zuckt Ricci mit den Schultern: Er kenne den Ausgangspunkt seiner Graphic Novel nicht. Liegt er im Jahre 1944, zur Stunde Null in seinem Geburtsland Italien, damals aufgeteilt zwischen Faschisten und Partisanen, Deutschen und Amerikanern – sein Vater und Onkel erzählten ihm davon. Oder 2002, als Ricci sein Leben mit dem seiner Partnerin Anke Feuchtenberger verband, mit der er oft auch künstlerisch zusammenarbeitet und den Mami Verlag gegründet hat? Oder war es 2007, als die Presse vom Tod des norditalienischen Bären Bruno berichtete, den deutsche Beamten erschossen und damit einen Skandel in ganz Europa verursachten? Oder 2009, als Ricci und Feuchtenberger sich an der Ostsee niederließen, «wo die Landschaften wirklich noch leer sind«, im von Wind und Schnee heimgesuchten Mecklenburg-Vorpommern? Oder war es nicht vielmehr 1966, dem Geburtsjahr des Autors, in Bologna?
Alles zusammen. So wie der Bär ist auch Ricci ein Grenzgänger. Sein Gebiet ist das Gefühl. Er nennt sich selbst einen «einsamen Wanderer» und das stete Unterwegssein prägt auch seine künstlerische Arbeit. Bleistift, Pastellfarben, Kohle und Pinsel überlagern und bedecken einander; er setzt immer neu an, lässt einzelne Striche stehen, paust Teile aus früheren Zeichnungen ab, fügt sie mit Klebestreifen oder sogar Nähgarn ein. Das ist keineswegs Manierismus: Genau wie in der Geschichte entsteht aus all den einzelnen Elementen eine erstaunliche Einheit. «Ich bin weniger Autodidakt als künstlerisches Waisenkind», sagt er. Seine Techniken hat er sich, geradezu asketisch, nach und nach angeeignet. Fünfzehn Jahre verbrachte er allein mit dem Zeichenstift. Ein einfachstes Medium? «Kurt Cobains Gitarre hat angeblich auch nur fünfzehn Dollar gekostet…» Der Kohlestift kam hinzu, als er entdeckte, welche Vielfalt an Lichtschattierungen er ihm abgewinnen kann. Erst vor drei Jahren dann der Pinsel: «Die Geschichte entwickelte sich schneller als die Bilder, aber ich wollte, dass beide Hand in Hand gehen. Eine Frage der Frische. Der Pinsel ist flüssig, ein guter Freund.»
Riccis heiliger Gral ist der «Pinocchio» von Collodi – in seinem Buch tritt sogar eine Grille auf. Er lese dieses Buch wieder und wieder, wegen der Wandlungen und Verwandlungen, die den Weg der Holzpuppe kennzeichnen. Und er bedauere die letzte Transformation Pinocchios in einen kleinen Jungen, einfach, weil das Menschliche für ihn keinen Reiz habe. Deshalb endet der menschenähnliche Bär seiner Graphic Novel als normaler Sohlengänger – wie der Bär Bruno, der vor sechs Jahren auf offizielle Order hin erschossen wurde.
In der «Geschichte des Bären» überlagern sich die Erzählstränge. Es gibt Bilder auf einer Doppelseite, die teilweise mit schwarzen Sprechblasen versehen sind, als seien sie für eine Beschriftung reserviert. Am Rand stehen Texte, die wie Aussagen der jungen Männer des Debakels von 1944 wirken oder aus Mails von Ricci an seine Freunde und seine geliebte Frau Stellina aka Anke Feuchtenberger stammen oder auch Teile der Handlung darstellen könnten. Passgenau oder gänzlich unverbunden, erzeugen diese Stimmen auf meisterhafte Art einen leicht schwebenden, traumartigen Eindruck, vergleichbar dem Film «Images» von Robert Altman. Eine Sequenz, in der sich verwirrte Wildschweine in Elektrozäunen verfangen, erinnert in ihrer alptraumartigen Intensität an die Schlüsselszene aus «Schweigen der Lämmer». Auch Fotografie und Film (sowohl Kurz-, als auch Trickfilm) gehören zu Stefano Riccis Repertoire.
Muss noch erwähnt werden, dass sich bei Ricci Geschichte und künstlerische Gestaltung nicht voneinander trennen lassen? «Erst die Ausstellung der Originale in einer Galerie bringen ein Buch wirklich zu seinem Abschluss.», sagt er. «Beim direkten Betrachten der Bilder, möglichst ohne trennendes Glas, kann sich jeder Besucher seine eigene Montage konstruieren, in seinem eigenen Rhythmus, unabhängig von der Graphic Novel.» Es überrascht nicht, dass Ricci auch für die Aufbereitung der Ausstellung selbst Sorge trägt: «Die Reproduktion ist Teil des Zeichenprozesses. Aber die Beleuchtung der eingescannten Bilder ist meiner Meinung nach brutal. Für ‘Die Geschichte des Bären’ habe ich die Hälfte der Bilder abfotografiert um das Tageslicht mit Spots zu modifizieren: dadurch wird das Buch lebendig. Die Originale bleiben einzigartig.»

Text: Francois Landon
Übersetzung: Karen Bo